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Zwischenbericht: Praktikum an einer Schule in Joensuu (Ost-Finnland)


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Verfasst am: 05. 04. 2014 [14:36]
Eikke
Dabei seit: 05.04.2014
Beiträge: 1
Ich wohne nun seit über 2 Monaten in Joensuu, der größten Stadt (75000 Einwohner) im Osten Finnlands und arbeite seit 4 Wochen an der Rantankylän Koulu, einer finnischen Gesamtschule. Im November 2013 habe ich in Deutschland mein Sonderpädagogik-Studium beendet.

Praktikumssuche
Ich habe seit dem September 2013 den Plan verfolgt, nach dem Ende meines Studiums einige Zeit in Finnland arbeiten zu wollen. Zwei wesentliche Elemente des finnischen Schulsystems haben dabei einen Reiz auf mich als Sonderpädagogen ausgeübt. Zum einen die hohe Chancengerechtigkeit des Finnischen Schulsystems im internationalen Vergleich, zum anderen die fortgeschrittene Inklusion in Finnland. Ebenfalls zu nennen sind die guten Leistungen der Finnischen Schüler bei den internationalen Schulleistungsvergelichen (PISA), was für mich als Sonderpädagoge eben nicht allein Ausschlag gebend war.

Die Wahl des Standortes in Finnland viel logischerweise auf Joensuu, da meine Frau hier aktuell ein Auslandssemester absolviert. Mein Vorteil ist dabei, das es Schulen überall gibt und ich bei der Wahl des Praktikumsortes damit sehr flexibel war.
Ich habe Ende November 2013 über die Internetseite der Stadt Joensuu (nur auf Finnisch) mit Hilfe der Übersetzungsfunktion ganzer Internetseiten von google, eine Übersicht der in Frage kommenden Schulen erstellt. Zeitlich sollte man sich durchaus früher der Suche annehmen. An diese ca. 20 Schulen habe ich per E-mail Bewerbungen mit Anschreiben, Lebenslauf und Abschlusszeugnis des Studiums gesandt. Nur von zwei Schule habe ich Antwort bekommen, diese waren aber überaus freundlich und haben sich ehrlich über das Interesse gefreut. Ich habe mich letzten Endes für die Schule entschieden, an der auch Deutsch unterrichtet wird.

Vorstellungsgespräch
Diese Schule (Rantankylän Koulu) wollte mich vor einer Zusage für ein Praktikum ab März persönlich Kennenlernen, sodass ich im Januar entschieden habe, bereits zu meiner Frau nach Joensuu zu ziehen und mich an der Schule vorzustellen. Die endgültige Bewerbung für das Leonardo-da-Vinci Programm habe ich nach dem Vorstellungsgespräch aus Finnland abgeschlossen. Zuvor hatte ich in Deutschland alle nötigen Vorbereitungen bezüglich der Bewerbung unternommen (Kontakt zum CarrerService der Uni, Sprachtest, Empfehlungsschreiben eines Dozenten). Es war sicherlich mutig, ohne die Gewissheit, wirklich ein Praktikum machen zu können, nach Finnland zu gehen. Dennoch hat es sich letztendlich ausgezahlt und ich hätte ohne das Vorstellungsgespräch keine Zusage für einen Praktikumsplatz bekommen können.
Das Vorstellungsgespräch verlief in sehr entspannter Atmosphäre (wie ich es auch Schulen gewöhnt bin), mit dem Schulleiter und der Leiterin der 5. und 6. Klassen auf Englisch.

Anreise und Einleben
Wie erwähnt bin ich bereits im Januar nach Joensuu gereist. Ich habe entschieden mit dem Auto zu fahren, da ich so deutlich mehr Dinge für den täglichen Gebrauch mitnehmen konnte. Außerdem ist ein Auto bei den enormen Entfernungen am Wohnort in Finnland überaus hilfreich. Die Wohnung hier konnten meine Frau und ich über die Universität in Joensuu bekommen, da sie hier studiert. Dies hat die Wohnungssuche sehr einfach gemacht und ich habe davon profitieren können, weil Familienangehörige problemlos in den Studentenunterkünften des Unternehmen „Joensuun Elli“ wohnen können. Das "Familienappartement" in dem wir wohnen ist einfach, aber sauber, gepflegt und günstig.
Nach dem erfolgreichen Bewerbungsgespräch und der Zusage des Leonardo-Stipendiums hatte ich hier in Joensuu ca. 4 Wochen Zeit mich in aller Ruhe einzuleben, bevor das Praktikum begann. Diese Zeit war mein Urlaub nach der erfolgreichen Masterarbeit in Deutschland. Ich habe die, baulich durchaus ziemlich hässliche, Stadt Joensuu erkunden können, sodass ich mit alles Angelegenheiten des Alltages vertraut bin. Außerdem die beeindruckende Natur in Finnland genießen können, wie den Koli-Nationalpark im tiefsten Winter.
Die sozialen Kontakte, die in der dunklen Jahreszeit in Finnland (Tageslänge im Januar max. 5 Stunden) überaus wichtig sind, um nicht zu vereinsamen, haben sich über Kontakte meiner Frau an der Uni schnell eingestellt. Zunächst hauptsächlich zu anderen internationalen Studierenden, inzwischen durch meine Arbeit an der Schule auch zu den Kollegen. Dennoch muss man sagen, dass die finnische Mentalität eher zurückhaltend ist. Der Kontakt entsteht dann, wenn es ein konkretes Anliegen gibt. „Small-Talk“ ist überaus unüblich.

Arbeit
Am 10. März hatte ich meinen ersten Arbeitstag an der Rantankylän Schule. Die Schule ist eine staatliche finnische Grundschule, die von der 1. bis 6 Klasse Schüler unterrichtet. Dort arbeite ich in der 5. und 6. Klasse, was sich daraus ergibt, dass die Schüler hier schon ausreichende Englischkenntnisse haben und zwei Klassen Deutsch lernen. Meine Finnisch Kenntnisse reichen trotz Sprachkurs in Deutschland nicht aus, um auf Finnisch zu unterrichten, weshalb meine Arbeitssprache Englisch ist. Für die Schule stellt gerade das einen Reiz dar, wie mir immer wieder von den Lehrkräften mitgeteilt wird, weil die Schüler nicht anders als auf Englisch mit mir kommunizieren können. Sie sind darauf angewiesen ihre Sprachkenntnisse zu erproben und können immer wieder erfahren, dass sie sich in einer Fremdsprache erfolgreich mitteilen können. Die Berühungsänste und Zurückhaltung hat sich inzwischen abgebaut.
Ich habe nach 2 Wochen der Hospitation und des Kontaktaufbaus inzwischen einen festen Stundenplan. Ich unterrichte hauptsächlich Sport, hier ist die Kommunikation auf Englisch hervorragend möglich, und Mathematik. In den Mathematikstunden vertiefe ich oft Inhalte mit einzelnen Schüler im Rahmen einer äußeren Differenzierung. Meist ist dies eine Gruppe von 2-3 besonders leistungsstarken oder leistungsschwachen Schülern. Die Rahmenbedingungen kommen der Arbeit eines Sonderpädagogen an einer inklusive arbeitenden Schule besonders in den Mathematikstunden sehr nah. Es geht für mich darum Leistungsstände der Schüler zu erfassen und eine gezielte Unterstützung anzubieten, sodass die „schwächeren“ Schüler die Leistungsanforderungen des Regelunterrichts erfüllen können.
Außerdem unterstütze ich regelmäßig den Unterricht in einer speziellen Sprachlernklasse, ebenfalls ein Feld der Sonderpädagogik. Hier werden, was in ganz Joensuu nur an dieser Schule möglich ist, 9 Schüler unterrichtet, die erst vor kurzem als Migranten nach Finnland gekommen sind. Es geht darum Finnisch als Zweitsprache soweit zu unterrichten, dass es den Schülern möglich ist nach 1 bis 1 ½ Jahren in eine „normale“ Klasse zu wechseln.
An Montag und Donnerstag findet jeweils Deutschunterricht statt. Die Schüler lernen seit einem halben, bzw. seit ein einhalb Jahren Deutsch. Meine Tätigkeit ist aktuell, bei Aussprachübungen Vorbild zu sein. Zudem habe ich über meine Heimatstadt und den Schulalltag aus Deutschland auf deutsch berichtet. Es ist enorm, wie gut die Schüler, für den begrenzten Zeitraum in dem sie Deutsch lernen, die Berichte verstehen konnten. Durch den weiteren Kontakt mit mir, wird hoffentlich weiter das Interesse gesteigert deutsch lernen zu wollen.



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Letzte Änderung: 29.06.2015