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Zw. bericht Populationsökologie wilder Wölfe


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Verfasst am: 23. 08. 2015 [11:40]
Leonhard
Dabei seit: 23.08.2015
Beiträge: 1
Zwischenbericht eines biologischen Wolfsökologie-Praktikums – 3 Monate in Karelien

Hei,

im Rahmen meines Biologie-Studiums (B.Sc.) absolviere ich gerade in der Zeit zwischen dem 4. und 5. Semester ein Berufspraktikum von 12 Wochen in Ostfinnland, Karelien.
Zunächst möchte ich einige Punkte meiner Vorbereitung in Deutschland schildern:
Zur kulturellen Vorbereitung zu Land & Leuten habe ich die üblichen verdächtigen Tourismus-Internetseiten gelesen, z.B. visitfinland.com oder finland.fi. Diese dienen natürlich nur zur Gewinnung erster Eindrücke; ferner habe ich die „Gebrauchsanweisung für Finnland“ gelesen (Roman Schatz, empfehlenswert, da auf kulturelle Eigenheiten und Charakteristika eingegangen wird!). Wer an lokaler Mythologie interessiert ist (Mythen und Sagen sind immer bedeutende Teile einer Kultur), kann sich mit dem Nationalepos „Kalevala“ auseinandersetzen. Ich spreche kein Finnisch, habe es aber auch nicht gelernt, da mein Arbeitsplatz in einem internationalen Umfeld sein und Englisch die Hauptsprache sein würde.

Versichert bin ich bei der Techniker Krankenkasse; ohne weitere Zusatzleistungen oder –pakete fürs Ausland. Nach eigener Erkundigung und Beratung wurde mir mitgeteilt, dass im europäischen Ausland (EU) Kosten eines Krankenhausaufenthaltes oder Arztbesuches wie in Deutschland auch gedeckt sind. Ich schloss jedoch eine Unfallversicherung ab (ERV).
Meine Unterkunft ist bei der Organisation selbst, so musste ich micht nicht darum kümmern.

Nach Anreise mit der Fähre nahm ich den Bus in Richtung Nordostfinnland, in die entlegene Region Kuhmos. Zu empfehlen ist die sehr günstige Buslinie „Onnibus“.
Was mich überraschte: Auf meiner 2-tägigen Reise nach Kuhmo und mehrmaligem Umsteigen gestaltete sich die Kommunikation v.a. mit älteren Einheimischen schwierig, da offenbar nur wenige Finnen Englisch sprechen. Das hatte ich nicht erwartet. Bei Fragen hielt ich mich also eher an Gleichaltrige, deren Englisch recht gut ist. Wer also selbstorganisiert durch Finnland reisen will, dem sind doch einige grundlegende finnische Sätze, Vokabeln zu empfehlen.
Die Berichte der kühlen, zurückhaltenden, reservierten Art der Finnen bestätigte sich für mich sofort. Es war lustig, diesen deutlichen kulturellen Unterschied selbst zu erfahren. Mit meinem deutschen Mindset ertappte ich mich dabei, dies als Unfreundlichkeit zu interpretieren, was natürlich falsch ist und man sich hüten sollte, sich von solch vorschnellen Urteilen leiten zu lassen. Dafür ist ja auch die kulturelle Vorbereitung da!

Meine Organisation ist das Projekt „Lupus Laetus“ eines französisch-russischen Wissenschaftlerpaars, die grenzübergreifend in Finnland und Russland Projekte zur Populationsökologie wilder Wolfsrudel und Bären leiten.
Neben diesem Forschungsschwerpunkt ist auch die Etablierung von Ökotourismus Teil der Arbeit. So arbeite ich seit meiner Ankunft mit vielen anderen französischen Praktikanten zusammen. Die meisten in Gruppen an unterschiedlichen Projekten, je nachdem ob sie in der Wissenschaft oder im Ökotourismus-Bereich arbeiteten. Mein soziales Umfeld ist also im Grunde gar kein finnisches, sondern französisch. So lerne ich seit 4 Wochen intensivst wieder Französisch und es ist überraschend wie meine Grundkenntnisse aus der Schule sich verbessern. Meine Mitpraktikanten sprechen nämlich gar nicht oder nur wenig Englisch und so drücke ich mich eben bestmöglich auf französisch aus und fordere andererseits die anderen zum Englischtraining auf…

In den Wäldern Kuhmos gibt es im Gegensatz zu Deutschland einige wilde Großprädatoren. Meine Arbeit ist Teil eines Langzeitforschungsprojektes meiner Organisation, die zwar auch in gelegentlicher Kommunikation mit finnischen Wissenschaftlern des Finnish Game & Fisheries Research Institutes steht, eine echte Kooperation jedoch keine besteht. So gibt es im Umkreis von ca. 150 km² ein Netzwerk an Forstwegen, die von mir täglich auf Wolfskot kontrolliert werden. Dieser wird gesammelt und im Labor im Haus makroskopisch analysiert: Nach Trocknung wird dieser gewogen und anschließend die Bestandteile mit Pinzetten separiert. Durch den Befund der Kotbestandteile (Knochen, Haare, Haut, Samen, etc.) und deren quantitativer und qualitativer Anteil lassen sich Rückschlüsse auf die Nahrungszusammensetzung des Beutespektrums des lokalen Rudels schließen. Ferner arbeite ich mit ArcGIS an Visualisierungen des Habitats und Kartierungen der Funde.
Am Ende meines Praktikums werde ich einen „Report“ über die gesammelten Daten inklusive Auswertung schreiben.
Aufgrund der abgelegenen Lage war ich bisher nur einmal in Kuhmo selbst, der Stadt, wo auch der wöchentliche Großeinkauf an Nahrungsmitteln, etc. stattfindet.
Es ist spannend, als Naturwissenschaftler seinen Teil als „Mosaikstein“ zu solch einem Langzeitprojekt beizutragen und dabei die lokale Natur ausgiebig zu erkunden und vor allem zu verstehen. Durch Literatur zur Taiga und der Seenlandschaft sowie meinen zahlreichen Aufenthalten im Feld verstehe ich immer besser die Methodik und Konzepte angewandter ökologischer Projekte im Zusammenhang mit der Entwicklung ökotouristischer Infrastruktur.



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Letzte Änderung: 29.06.2015