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Zwischenbericht Schulpraktikum Merikarvia Frühling 2017


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Verfasst am: 22. 05. 2017 [00:23]
AnneP.
Dabei seit: 22.05.2017
Beiträge: 1

Huomenta, Moi Moi, Moika oder Hei Hei,

mit einem dieser Worte auf den Lippen begrüße ich jeden Morgen von Montag bis Freitag die 18 Lehrer im gemütlichen Lehrerzimmer der Mittel- und Oberstufe der Merikarvian koulu im beschaulichen Merikarvia, Westfinnland. Mein Name ist Anne, ich bin 24 Jahre alt, studiere Deutsch, Englisch und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache für das gymnasiale Lehramt in Göttingen und absolviere ein freiwilliges zweimonatiges Praktikum in einer 3500-Einwohner-kleinen-Gemeinde in Suomi/ Finnland. Durch die klitzekleine Größe meiner Stadt und Schule (500 Schüler und Schülerinnen von der 1 Klasse – Abitur) unterscheidet sich mein Bericht ein wenig von den anderen Berichten, die ihr hier lesen werdet. Zudem bin ich die erste – sozusagen das ‚Versuchskaninchen‘ – Göttinger Praktikantin, die diesen Austausch „testet“. Ich kann euch schon mal in Voraus sagen - es lohnt sich. :)

Bewerbung, Organisation und Vorbereitung:

Angefangen hat eigentlich alles ganz normal: Anfang Januar (ganz schön spät … ) diesen Jahres bin ich zu einem Beratungsgespräch in das Büro für Auslandspraktika an meiner Uni gegangen, um mich über ein mögliches DAF (Deutsch als Fremdsprache)-Auslandspraktikum ab April zu informieren. Da ich in diesem Sommersemester nur noch meine Bachelorarbeit schreiben muss und keine Seminare mehr zu absolvieren hatte, bot es sich für mich an, stattdessen meine praktischen Fähigkeiten ein wenig auszubauen. Durch positive Erfahrungen in einem Projekt mit geflüchteten Jugendlichen in Sprachklassen an Göttinger Schulen, sowie durch den erfolgreichen Abschluss der ‚Zusatzqualifikation Interkulturalität und Mehrsprachigkeit/ Deutsch als Fremd- und Zweitsprache‘, motiviert, suchte ich spezifisch nach DAF-Schulen im Ausland. Trotz meiner recht späten Suche bekam ich noch drei mögliche Praktika von meiner Beraterin vorgeschlagen. Eines davon an einer Schule in Finnland, mit welcher der Kontakt erst wenige Wochen vorher begonnen hatte. Nach ein paar Tagen Bedenkzeit entschied ich mich – trotz Warnung über meinen Versuchskaninchen-Status - für die finnische inklusive Gesamtschule mit Fokus auf Fremdsprachen. Der Bewerbungsmarathon konnte also losgehen.

Wie zu erwarten gestaltete es sich ein wenig schwieriger als bei altbewährten Partnerschulen, da nun alles Mögliche organisiert und besprochen werden musste. Dies musste innerhalb von nur 1 ½ Monaten geschehen, denn alle Unterlagen mussten ja mindestens einen Monat vor voraussichtlichem Praktikumsbeginn (am 18.04 nach den finnischen Osterferien) im Original und unterschrieben vorliegen. Nach so einigen Kommunikationsproblemen zwischen der Schule und der Uni, sowie vielen hin und her geschickten Mails, Briefen etc., schafften wir es dann doch noch den zeitlichen Rahmen knapp einzuhalten. Um ehrlich zu sein, machten meine Uni-Betreuerin und ich uns einige Sorgen um die Ernsthaftigkeit, mit der die Schule unsere Mails und Bewerbungsunterlagen beantwortete und ausfüllte, denn je länger unsere Erklärungen wurden, desto kürzer schienen die Antworten der Schule auszufallen! Da Schule und Gemeinde (bzw. die Mitarbeiter des Rathauses) hier sehr eng zusammenarbeiten, gibt es insgesamt vier Personen, die an der Organisation und meiner Betreuung hier beteiligt sind: der Schulleiter, der (sozusagen) Bürgermeister, eine Dame, die für internationale Austausche in ganz Westfinnland zuständig ist, sowie mein (ursprünglicher) Gastvater bzw. der Freizeitbeauftragte der Gemeinde. Trotz oder gerade wegen (?) dieser Aufteilung der Verantwortlichkeiten waren noch viele Punkte meines Aufenthaltes bis ganz kurz (oder gar überhaupt nicht) vor meinem Abflug ungeklärt und das besorgte mich doch sehr. Ich flog trotzdem…

…und es hat sich gelohnt. Ich habe gelernt: ‚meine‘ Finnen hier reden nicht so viel über Planung und zukünftige Abmachungen. Man nimmt jedes Problem dann an, wenn es kommt und findet gemeinsam eine Lösung vor Ort – ganz lässig und entspannt. Eine Eigenschaft, die mir leider nicht gegeben ist, aber das konnten sie ja nicht wissen. Ein gutes Beispiel für interkulturelle Missverständnisse also: meinen Betreuern hier vor Ort erschien es so, als seien sie schon weit über ihre normalen Planungskompetenzen hinaus aktiv geworden, während meine Betreuerin in Göttingen und ich uns fragten, ob überhaupt irgendwas so laufen würde wie geplant; Eine Woche vor Abflug sagte mir meine Gastfamilie ab, stattdessen wurde mir eine leer stehende Gemeindewohnung allein in einem nicht bewohnten Gebäude ohne Internet in der Ortsmitte angeboten, für die letzten 2 Wochen fehlte mir jedoch immer noch eine Unterkunft und als was ich in den 2 Wochen nach Schulabschluss arbeiten sollte, konnte mir auch noch niemand fest zusagen. Na toll, dachte ich mir – so ein Durcheinander.

Halbzeitresümee:

Aber was denke ich jetzt? 4 Wochen nach diesem besorgten Abflug in Ungewisse in eine Ministadt irgendwo im Nirgendwo? Alles halb so wild! Die Personen, die ich über ihre kargen E-Mail Antworten schon zu kennen glaubte, stellten sich als engagierte, international interessierte und sehr hilfsbereite, kommunikative (!) Menschen heraus. Selten habe ich jemanden im Vorhinein so falsch eingeschätzt. Vielleicht dank meiner vielen Bedenken und negativ gefärbten Grundstimmung wurde ich auch von der kargen Gemeindewohnung positiv überrascht und auch die kleine Schule stellte sich doch tatsächlich als meine Traumschule heraus! Könnte ich diese Schule einfach entwurzeln und mit nach Deutschland nehmen – würde ich dort wahrscheinlich für immer arbeiten wollen. Es herrscht eine unheimlich positive Lernatmosphäre, Lehrer/innen und Schüler/innen stehen sich sehr nah und es gibt viele tolle Traditionen und Rituale, die zu einem sehr guten Schulklima führen. Die Schule ist bestens mit moderner Technik, einer riesigen Schulküche, Mensa, Werkstatt etc. etc. ausgestattet und bietet den Schülern und Schülerinnen ein richtiges Zuhause. Die Lehrer sprechen nicht nur alle Englisch, sie sind auch sehr an mir und meinen Ansichten und Erfahrungen interessiert, involvieren mich so viel sie können in ihren Unterricht und in Klassen- und Schulaktionen. All meine Ideen und Vorschläge werden angehört und aufgenommen und ich sitze nie allein in der Mensa.

Alltag:

Bisher hatte ich schon die Chance einen internationalen-Austausch-Club zu gründen, der sich einmal wöchentlich in einem (dem einzigen :D) Café hier trifft. Sowie zwei wöchentliche English-lunch-breaks, während der ich mit einigen besonders motivierten Schülern und Schülerinnen zu Mittag esse. Es finden in dieser Periode (das finnische Schuljahr ist in fünf Perioden mit verschiedenen Stundenplänen eingeteilt) zwar nur sechs (8. Klasse, 9. Klasse und 11. Klasse) Deutsch-Stunden der (einzigen) Deutschlehrerin (die zugleich meine Mentorin ist) statt, doch in fast jeder dieser Stunden darf ich eine oder mehrere Übungen vorbereiten und anleiten. Die Schüler und Schülerinnen, sowie die Lehrerin geben mir dazu immer Feedback. Es ist jedoch auch wichtig zu wissen, dass das finnische Schuljahr und der Stoff im Vergleich zu deutschen Schulen sehr fix durchgeplant ist und wenig Raum für individuelle Projekte oder Ideen des Lehrers besteht (je höher die Klasse desto weniger Freiraum). Für die von mir beschriebenen Aufgaben wurde aber trotzdem Zeit gefunden und der fixe, aber sehr gut gemachte, Plan führt zu einer deutlich erhöhten Lerngeschwindigkeit der SuS (die Antwort auf die PISA-Erfolg-Frage?!). Zu weit vom Plan kann man jedoch leider in keinem Fall abweichen! Desweiteren nehme ich an insgesamt fünf Englischstunden teil (3. Klasse, 6. Klasse (zählt hier zur Grundschule), 7. Klasse, 12. Klasse), sowie am Hauswirtschafts- und Kochunterricht, Kunst- und Sportunterricht (da kann man auch schon mal bei Schnee draußen American Football spielen). Dazu kommen immer wieder besondere Aktionen wie zum Beispiel diese Woche: ich habe mit der Oberstufe deutschen Kuchen und Waffeln gebacken und verkauft, um für einen spontan geplanten Trip nach Deutschland nächstes Jahr zu sammeln. Insgesamt verbringe ich ca. 25 Zeitstunden pro Woche in der Schule und ca. 10-15 Stunden mit der Vorbereitung von Unterrichtseinheiten und der Planung bzw. Hilfestellung bei besonderen Aktionen. Die Schule beginnt hier um 8.45 Uhr und endet meistens um 16.00 Uhr (inklusive Freistunden zwischendurch). Das leckere und reichhaltige Mittagessen bekomme ich umsonst jeden Tag zwischen 11.30 – 12.00 Uhr. Da mir meine Gastfamilie so spontan abgesagt hatte, muss ich für meine kleine Gemeindewohnung (in der ich jetzt auch Internet habe) ebenfalls nichts bezahlen. Aber freut euch nicht zu früh, das Geld des Stipendiums reicht gerade so für Essen und kleine Trips – Finnland ist eben sogar auf dem Land recht teuer. Trotzdem ist es wirklich klasse, dass ich meine persönlichen Ersparnisse nicht allzu sehr beanspruchen muss.

Freizeit:

Das einzige Manko, das geblieben ist, ist die Abgeschiedenheit des minikleinen Ortes in dem ich lebe. Meine Wohnung befindet sich zwar direkt im „Zentrum“, aber dennoch sind die Freizeitaktivitäten hier sehr limitiert. Es gibt aber ein kleines Fitnessstudio, eine Schwimmhalle, ein kleines Café, 2 Restaurants und natürlich wunderschöne Natur. Die größten Schwierigkeiten macht mir hier die fast nicht existente Busverbindung. Pro Tag gibt es nur ca. 3 Busse in andere Städte und noch weniger zurück. Eine mehr angefahrene Bushaltestelle befindet sich leider 8 km entfernt am Highway und mit jedem Tag gen Sommer werden die Busse komischerweise immer weniger. Mit ein weniger mehr Organisationsarbeit und höflicher Fragerei konnte ich jedoch auch schon größere Trips nach Tampere und Turku unternehmen. Kompensiert wird dies zum Glück dadurch, dass ich öfters von Bekannten, Lehrern, Gemeindemitarbeitern o.ä. eingeladen werde, die irgendwohin fahren und mich gerne mitnehmen - es ist jedoch sehr wichtig aktiv nach so etwas zu fragen und sich einzubringen, denn von selbst wird so etwas natürlich nicht angeboten! Mit dem Fahrrad, das mir bereitgestellt wurde, kann man zum Beispiel an das 5 Minuten entfernte Meer fahren oder spazieren gehen und an den Aktionen der Gemeinde teilnehmen. Durch die enge Zusammenarbeit der Schule und der Gemeinde und meinen engen Kontakt zum (fast) Bürgermeister, bin ich sogar in einige der Gemeindeaktionen involviert. Dieses Wochenende zum Beispiel gab es ein Pop-up-Restaurant-Event, bei welchem ich und ein anderer deutscher Praktikant (großer Zufall!), der in einer Fischereibedarfsfirma hier arbeitet, Currywurst verkauften.

Empfehlung:

Alles in allem überwiegt meine Begeisterung für die tolle Schule und das hohe Maß an Teilhabe, das mir hier von den engagierten Menschen ermöglicht wird, meine Frustration über die Abgeschiedenheit dieses kleinen Ortes – doch man sollte diesen Umstand auch nicht unterschätzen. Mit der passenden offenen und weitgefächert interessierten Persönlichkeit, den richtigen Erwartungen, einem hohen Maß an Anpassungsfähigkeit und genug Ruhe und Zeit für ein kleines Abendteuer würde ich das Praktikum in Merikarvia bisher jedoch weiterempfehlen und hoffe auch nach Ende meines Praktikums mit der Schule und meinen neuen Bekannten in Kontakt bleiben zu können.

Solltet ihr euch für dieses Praktikum interessierten, dann kontaktiert mich als ‚Versuchskaninchen‘ bitte unbedingt. Meine Infos und Tipps können euch den Anfang sicherlich einfacher machen, als er für mich war.

Moi Moi,

Anne



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Letzte Änderung: 29.06.2015