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Praktikum Innenarchitektur Kopenhagen


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Verfasst am: 28. 04. 2019 [16:50]
CarlaHoenemann
Dabei seit: 22.04.2019
Beiträge: 1
Hej,

ich bin Carla und studiere an der Hochschule Hannover Innenarchitektur im 6. Semester. Im Rahmen des Studiums wird ein Praxissemester in einem Architektur-/Innenarchitekturbüro absolviert und ich habe mich dafür entschieden, dieses im Ausland zu verbringen. Ich wollte mich gerne den Herausforderungen stellen, die ein Leben im Ausland mit sich bringen. Dazu gehören für mich die Wohnungs- und Jobsuche, sowie den Alltag vor Ort (in einer anderen Sprache) zu bewältigen und auf mich selbst gestellt zu sein. Es stand für mich relativ schnell fest, dass ich gerne in Dänemark, genauer in Kopenhagen, leben möchte.



PRAKTIKUMS- & WOHNUNGSSUCHE

Da ich früh wusste, dass ich gerne nach Kopenhagen möchte, war mir auch schnell klar, dass ich in den warmen Sommermonaten mein Praktikum in Skandinavien absolvieren möchte. Im Sommer 2018 habe ich mit meinem Portfolio begonnen und mir mögliche Büros herausgesucht. Im Herbst war meine Bewerbung dann schlussendlich fertig und ich habe Anfang Oktober die ersten Bewerbungen per Mail an meine favorisierten Büros geschickt. Das war recht früh (6 Monate vor Praktikumsbeginn), doch, wie sich später herausgestellt hat, genau der richtige Zeitpunkt. Nach ungefähr vier Wochen habe ich die erste Antwort bekommen und das war auch tatsächlich von meinem späteren Praktikumsbüro Spacon&X.
Ich wurde zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, dass wir dann aus Zeitgründen via Facetime gemacht haben. Es war ein sehr lockeres Gespräch mit zwei der drei Partnern. Wir sind gemeinsam mein Portfolio durchgegangen, sie haben mir Fragen zu meiner persönlichen Motivation gestellt und mir das Büro gezeigt. Nach einer Woche habe ich dann die Zusage bekommen und hatte so Mitte November meinen Praktikumsplatz für den kommenden Sommer.

Vor der Wohnungssuche hatte ich im Vorfeld sehr viel Respekt, da der Wohnungsmarkt in Kopenhagen als besonders schwierig gilt. Mitte Februar habe ich dann begonnen. Das klingt jetzt sehr spät, doch da der Wohnungsmarkt sehr schnelllebig ist, gibt es kaum Angebote mehrere Monate im Voraus. So habe ich mich kostenpflichtig für eine Woche bei findroommate.dk angemeldet und bin vier Wohnungsgruppen in Facebook beigetreten. Gerade hier gibt es sehr viele Angebote, vor allem für temporäre WG-Zimmer. So habe ich innerhalb einer Woche ca. 30 Leute angeschrieben und erstaunlich viele haben mir auch geantwortet, auch um abzusagen. So konnte ich schnell drei Facetime-Telefonate vereinbaren und hatte zu meinem eigenen Erstaunen und großer Freude innerhalb einer Woche zwei Zusagen für WG-Zimmer. Nach kurzem Überlegen habe ich mich dann für ein Zimmer im Stadtzentrum entschieden. Hier wohne ich nun mit zwei dänischen Jungs.



ARBEIT

Am 1. April habe ich mein Praktikum im Architektur- und Designbüro Spacon&X begonnen und wurde gleich sehr nett willkommen. Einige Tage im Vorfeld wurde mir eine PDF-Datei geschickt mit Informationen zu allen wichtigen Abläufen, wie beispielsweise zum gemeinsamen täglichen Mittagessen oder zur Einrichtung des persönlichen Mail-Accounts. Das hat mir auf jeden Fall geholfen mich schnell einzufinden.
Das Büro wurde 2014 gegründet und seither auch von Nikoline Dyrup Carlsen (Architektin) und Svend Jacob Pedersen (Szenograph) geleitet. Ein Jahr später ist Malene Hvidt (Architektin & Modedesignerin) als dritte Partnerin eingestiegen, doch kurz vor meiner Ankunft ist sie in Elternzeit gegangen.
Neben mir sind zur Zeit noch vier weitere Praktikanten beschäftigt, sowie mehrere festeingestellte Architekten und Mitarbeiter in Teilzeit für die Bereiche Design, Buchhaltung, Organisation und Social Media.

Am ersten Tag durfte ich mir zuerst meinen Arbeitsplatz einrichten und mir wurde alles wichtige erklärt. Da es ein Montag war, hatten wir vormittags das klassische Montags-Meeting, bei dem der aktuelle Stand aller Projekte durchgesprochen wurde. An dieser Stelle wurde ich auch gleich drei Projekten zugeteilt.
Dann war es auch fast schon Mittag und es wurden mit den Vorbereitungen für das gemeinsame Essen, die dänische Frokost, begonnen. Jeden Tag in der Woche sind 2 - 3 Mitarbeiter dem Lunch-Team zugeteilt und bereiten ein kleines Buffet mit Salat, Gemüse, Aufstrichen, Brot und ganz viel Fisch vor. Sobald der Lunch fertig vorbereitet ist, ruft man alle zusammen und jeder nimmt sich Salat und bereitet sich selbst Smørrebrød zu. Das dänische Butterbrot wird vollbelegt und mit Messer und Gabel gegessen. Obwohl es Anfang April noch recht kalt war in Kopenhagen, haben wir seither eigentlich immer draußen im Innenhof an einem langen improvisierten Tisch gegessen - meistens warm eingepackt in Winterjacken.
Das gemeinsame tägliche Mittagessen verleiht dem Arbeitstag eine sehr gute Struktur und alle genießen es kurz vom Schreibtisch wegzukommen und mit den Kollegen lockere Gespräche (an der frischen Luft) zu führen, bevor wieder konzentriert weitergearbeitet wird.
Danach durfte ich direkt mit zu einem Kundentermin in der Innenstadt mit einer weiteren Praktikantin und meinen zwei Chefs, zu dem wir natürlich mit dem Fahrrad gefahren sind. Ansonsten arbeite ich eng mit einer weiteren Praktikantin, einem Architekten und Nikoline zusammen an einem Hotelprojekt.

Wir Praktikanten tragen bereits viel Verantwortung und arbeiten sehr eigenständig. So begann ich direkt in den 3D-Modellen des Hotels mitzuarbeiten, Design-Vorschläge zu machen, die Kundenpräsentation zu aktualisieren und Termine mit Firmen zur Material-Bemusterung zu vereinbaren. Immer mal wieder trifft man sich mit dem jeweils zuständigen Projektleiter, um offene Fragen zu klären. Teamarbeit ist bei Spacon&X sehr wichtig und jeder darf und soll sich in den Designprozess einbinden. Die Hierarchie ist sehr flach und jeder wird gleichwertig und immer sehr respektvoll und freundlich behandelt. Die Atmosphäre ist immer sehr locker und entspannt, was das Arbeiten sehr angenehm macht. Durch mein Studium und meine Arbeit in einem Innenarchitekturbüro in Hannover fühle ich mich gut vorbereitet und konnte fachlich gut einsteigen, doch lerne natürlich auch viel dazu. Eine andere Perspektive auf die Arbeit als Innenarchitektin zu bekommen, ist sehr interessant. Das Berufsfeld der Innenarchitektur gibt es in Dänemark so nicht, sondern wird eher als Spezialisierung im Feld Architektur angesehen. Nichtsdestotrotz fühle ich mich sehr wertgeschätzt.
Der Arbeitstag beginnt um 9 Uhr und um 17 Uhr ist dann Feierabend. Sofern keine wichtige Abgabe erledigt werden muss, ist es auch vollkommen in Ordnung dann zu gehen.



LEBEN (ERSTE TAGE - SPRACHE - GELD - TIPPS)

Nachdem ich nun einen Monat in Kopenhagen lebe, kann ich sagen, dass ich mich schon sehr gut eingelebt habe und mich wirklich wohl fühle. Noch immer kann ich nicht glauben, wie gut ich es hier angetroffen habe. Ich habe mich in unserer Wohnung von Anfang an zuhause gefühlt und durch meine Mitbewohner auch direkt Anschluss gefunden. Sie haben mich ganz herzlich willkommen geheißen und wir unternehmen viel zusammen. Sie zeigen mir die Stadt, stellen mich ihren Freunden vor und sind in allen Lebenslagen unfassbar hilfsbereit.
Beispielsweise war mein Zimmer unmöbliert, als ich hier ankam und so stand ich direkt vor der Herausforderung mir ein Bett zu kaufen. Daher bin ich zu einem bekannten dänischen Möbelhaus gefahren und habe mir eins bestellt. Doch um die Lieferung zu organisieren, benötigt man eine dänische Handynummer, die ich nicht habe. Zum Glück ist mein Mitbewohner direkt eingesprungen und ich konnte seine Nummer angeben.
Diese Offenheit und Herzlichkeit hat mir meinen Start hier wahnsinnig erleichtert und ich bin sehr dankbar dafür.

Mit Dänen zusammen zu leben gibt mir auch die Chance, täglich meine dänischen Sprachkenntnisse zu erweitern. Im Vorfeld habe ich drei Sprachkurse an der Hochschule und in der Volkshochschule in Hannover gemacht. Ich habe großen Spaß die Sprache zu lernen und mache daher nun auch den von Erasmus angebotenen Online-Sprachkurs. Dieser ist sehr umfassend, doch bietet leider nur Übungen im Sprachniveau A1 an. Des Weiteren trainiere ich täglich mein Dänisch mit einer Sprach-App und dem Lesen von Büchern, die ich aus dem Deutschen kenne. Obwohl viele Dänen sehr gut Englisch sprechen und auch mein Büro recht international aufgestellt ist, wird doch mehr Dänisch gesprochen, als ich es erwartet habe. Auch wenn man sicher immer irgendwie mit Englisch voran kommt, kann ich es nur empfehlen Dänisch zu lernen, um so wirklich Teil der Kultur zu werden.

Eine weitere Sache, die ich kurz nach meiner Ankunft erledigt hab, war das Ausleihen eines Fahrrades - denn das ist in Kopenhagen ein Must-have. Das Ausleihen hat auch sehr gut geklappt, denn seit kurzem gibt es auch in Kopenhagen Swapfiets, ein niederländisches Unternehmen, das Fahrräder monatlich günstig (ca. 22€/pro Monat) vermietet - und der Service ist wirklich klasse. Nach meiner Online-Anmeldung vormittags, wurde ich eine halbe Stunde später angerufen um einen Termin zur Lieferung zu meinem Haus vereinbart. So hatte ich dann zwei Stunden später schon ein Fahrrad und das benutze ich seitdem jeden Tag.

So günstig wie das Fahrradausleihen ist hier leider wenig. Das alltägliche Leben ist wesentlich teurer als in Deutschland und mein Praktikum ist, wie leider viele Praktika in Dänemark, unbezahlt. Dafür sind aber das großzügige Mittagessen und sonstige Verpflegung frei, was mich unter der Woche viel Geld beim Essen sparen lässt. Für mein Zimmer bezahle ich 7500 DKK (ca. 1000€) im Monat - das liegt hauptsächlich an der superzentralen Lage und daran, dass der Altbau in dem ich wohne vor kurzem kernsaniert wurde. Wöchentlich habe ich mir selbst ein Budget von 1000 DKK (circa 130€) gegeben. Obwohl ich versuche sehr sparsam zu sein, schöpfe ich das in der Regel aber auch voll aus. Der Großteil meines Budgets verschlingt der Lebensmitteleinkauf und dann kommen noch 1-2 mal auswärts essen/etwas trinken, Notwendigkeiten wie Bücher/Pflegeprodukte etc. und der Eintritt in Ausstellungen und Museen dazu. Die hohen Preise für Lebensmittel und Essen in Restaurants sind allerdings auch auf die meist sehr gute Qualität zurückzuführen.

Etwas Unbehagen bereitet mir finanziell gesehen der anstehende Sommer. Sobald die Sonne scheint, findet das Leben hier an der frischen Luft statt und wird in vollen Zügen genossen. Da ich natürlich auch daran teilnehmen möchte, muss ich einen Mittelweg finden, um nicht zu viel auszugeben.

Die hohen Lebenshaltungskosten sind bislang definitiv mein einziger Kritikpunkt. Doch da ich schon lange geplant habe herzukommen und wusste, dass es teurer ist, habe ich im Vorfeld gespart. Zusammen mit dem Stipendium und der Unterstützung meiner Eltern, kann ich mich daher ganz gut finanzieren.
Jedem der überlegt nach Dänemark zu gehen, kann ich nur raten seine finanzielle Situation im Vorfeld genauestens zu checken. Wenn man es sich dann aber finanziell erlauben kann, wird es bestimmt eine tolle Zeit.


FAZIT

Die letzten vier Wochen waren schon super schön und ich kann sagen, dass das Leben im Ausland meine Erwartungen noch übertroffen hat. Aus meiner Sicht ist das Lebensgefühl hier wirklich ein anderes: sehr entspannt, freundlich und naturverbunden. Dieser Perspektivwechsel tut gut und ich hoffe dass ich am Ende davon einiges mit zurück nach Deutschland nehmen kann. Vielleicht finde ich in den nächsten Monaten auch heraus, ob ich für meinen Master o.Ä. wieder herkommen möchte.
Zunächst freue ich mich aber erst einmal sehr auf meinen ersten skandinavischen Sommer - denn der wird sicher fantastisch.



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Letzte Änderung: 29.06.2015